Was kann Künstliche Intelligenz im Maklerunternehmen heute wirklich – und was ist vor allem gutes Marketing? Diese Frage stand im Mittelpunkt des 43. Web-Stammtisches des Arbeitskreises Beratungsprozesse. Das Interesse war ungewöhnlich groß: Knapp 150 Teilnehmer waren dabei, darunter neben Versicherungsmaklern auch Vertreter größerer Versicherungsunternehmen, Vertriebe, Pools und Maklerhäuser.
Henning Plagemann eröffnete mit einem Realitätscheck des inzwischen kaum noch überschaubaren KI-Angebots im Vermittlermarkt. Sein Ausgangspunkt: Spätestens seit der DKM 2025 gehört KI praktisch zum Pflichtprogramm der Anbieter. Pools, Maklerverwaltungsprogramme und Vergleichsanbieter präsentieren Assistenten, Copiloten und Agenten. Sichtbar wird davon häufig zunächst ein Chatfenster. Die interessanteren Entwicklungen, so Plagemanns These, fänden jedoch unter der Oberfläche statt: bei Softwareentwicklung, Datenverarbeitung und der Automatisierung bestehender Abläufe. Seine Folien brachten die zugespitzte Diagnose auf den Punkt: 2010 wollte jeder eine App, 2026 will jeder KI.
In der Diskussion rückte schnell eine andere Frage in den Vordergrund: Ist die KI selbst überhaupt noch der Engpass? Die großen Sprachmodelle beherrschen Recherche, Zusammenfassung, Klassifikation oder das Verstehen natürlicher Sprache inzwischen erstaunlich gut. Entscheidend wird vielmehr, ob die KI in die vorhandenen Systeme hineinreicht. Eine Bestandsselektion per Sprache ist nett. Wirklich interessant wird es, wenn ein Assistent anschließend einen Kunden anlegt, Vertragsdaten aktualisiert, einen Vorgang erzeugt oder einen Folgeprozess anstößt. Dafür braucht er kontrollierten Zugriff auf MVP, Vergleichsrechner, Kommunikation und weitere Datenquellen. Genau an dieser Integration entscheidet sich der Übergang vom Chatbot zum handelnden System.
Damit landete die Diskussion bei einer ausgesprochen unmodischen Erkenntnis: Datenhaushalt schlägt Chatfenster. Fehlende Vertragsdaten, ungepflegte Fremdverträge, unterschiedliche Kategorien und voneinander abgeschottete Datensilos werden durch KI nicht geheilt. Im Gegenteil: Ein Sprachmodell kann aus schlechten Daten lediglich besonders überzeugend klingenden Unsinn produzieren. Die Empfehlung war deshalb fast klassisch: Bestandsdaten prüfen, führende Datenquellen festlegen, vorhandene Standards wie GDV und BiPRO nutzen und die eigenen Prozesse definieren – erst danach lohnt sich die Frage, welches KI-System daraufgesetzt wird.
Wie weit man schon heute gehen kann, zeigte anschließend Jan Pohl – in Personalunion Versicherungsmakler und CSO von softfair. Sein Demonstrator verband Homepage, Terminbuchung, Kommunikation, Maklerverwaltungsprogramm, Vergleichssysteme und eine eigene umfangreiche Datenstruktur. E-Mails, Gesprächstranskripte und Kundendaten fließen zusammen; Agenten lesen Informationen aus, stoßen Prozesse an und greifen bei Bedarf auf Fachwissen und Dokumente zurück. In einem gezeigten Prozess wurde eine Risikovoranfrage strukturiert, mit Vergleichsdaten verbunden und für die weitere Bearbeitung vorbereitet.
Das war eindrucksvoll – und sorgte zugleich dafür, dass aus der Technikdiskussion ziemlich schnell eine Rechts- und Risikodiskussion wurde. Gesundheitsdaten, Gesprächstranskriptionen, automatisierte Produktempfehlungen und die Verarbeitung großer historischer Datenbestände werfen Fragen auf, die ein funktionsfähiger Prototyp noch nicht beantwortet. Besonders anschaulich war Plagemanns Befund aus Gesprächen mit vier Marktteilnehmern: Auf die einfache Frage, ob eine KI eine mit Gesundheitsdaten gefüllte Risikovoranfrage bearbeiten dürfe, erhielt er vier durchaus unterschiedliche Antworten – vom Herausfiltern personenbezogener Daten bis zur Berufung auf ein DSGVO-konformes geschlossenes System.
Die Diskussion machte dabei deutlich, dass Datenschutz nicht mit der bloßen Frage „Server in der EU – ja oder nein?“ erledigt ist. Einwilligung, konkrete Verarbeitungszwecke, Auftragsverarbeitung, technische Architektur und die Abhängigkeit von US-amerikanischen Plattformanbietern müssen auseinandergehalten werden. Ebenso blieb die Haftungsfrage präsent: Ein KI-generierter Text wird nicht dadurch zu einer ordnungsgemäßen Beratungsdokumentation, dass er vollständig oder sprachlich überzeugend ist. Entscheidend bleibt, ob im Beratungsprozess die richtigen Fragen gestellt, Wünsche und Bedürfnisse ermittelt, ein Rat erteilt und dessen Gründe dokumentiert wurden. Genau an dieser Stelle berührten sich KI-Technik und das Kernthema des Arbeitskreises.
Zum Schluss wurde die Perspektive noch einmal weiter. Was passiert, wenn Unternehmen ihre Abläufe von wenigen großen Modellanbietern abhängig machen? Wie leicht lässt sich ein Modell tatsächlich austauschen? Welche Rolle spielen europäische oder selbst betriebene Modelle? Und wie kalkulierbar bleiben die Kosten komplexer Agentensysteme? Der Stammtisch konnte diese Fragen nicht abschließend beantworten – aber er machte sichtbar, dass sie zur KI-Strategie genauso gehören wie die nächste spektakuläre Demo.
Friedel Rohde schlug deshalb vor, beides weiterzuverfolgen: regelmäßige „Kreativ-Stammtische“ zu neuen praktischen Möglichkeiten und einen eigenen Termin zu Recht, Haftung und strategischen Rahmenbedingungen. Hartmut Goebel von germanbroker.net plädierte angesichts der Geschwindigkeit der Entwicklung für ein Update etwa im Halbjahresrhythmus.
Eine Erkenntnis dürfte bis dahin Bestand haben: Die entscheidende KI-Innovation im Maklerbüro ist nicht das bessere Chatfenster. Sie entsteht dort, wo verlässliche Daten, klar definierte Prozesse und technische Schnittstellen so zusammenkommen, dass aus einer Antwort tatsächlich eine kontrollierte Handlung werden kann.